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Michele Graglia: jenseits des ultramarathons


Der Gewinner von Wettbewerben in den unwegsamsten Orten der Welt, vom Badwater Ultramarathon im Death Valley bis zum Yukon Artic 100, verrät seine Tipps für Langstreckenläufe

Von Michele Graglia

Die Geschichte des Ultra-Runnings reicht zurück bis ins antike Griechenland, doch erst in den letzten Jahrzehnten ist das Laufen über lange Distanzen zum Allgemeinthema geworden. Somit kann jeder, der mutig genug ist, das unbeschreibliche Gefühl erleben, über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen, seine Fähigkeiten zu erkunden.

Mehr als die 42,195 Kilometer zu laufen und Ultra-Runner zu werden ist kein leichtes Unterfangen, es erfordert zweifelsohne große Willenskraft und Engagement. Und vielleicht muss man auch ein bisschen verrückt sein. Es wird oft gesagt, dass Ultra zu 90% geistliche Arbeit und zu 10% sich in deinem Kopf abspielt. Das macht uns klar, wie wichtig die persönliche Einstellung, die eigene Antriebskraft und die Motivation sind, um die Höhen und Tiefen zu überwinden, die bei so langen Distanzen auftreten.

Der Körper kann dich weit bringen, doch wenn der Zeitpunkt kommt, dass jeder Muskel deines Körpers dich bittet aufzuhören, dann können dir nur noch deine Regenerationsfähigkeit und deine Motivation helfen, das Ziel zu erreichen.

Eine solide Trainingsroutine zu entwickeln und einen gesunden Lebensstil zu verfolgen ist natürlich grundlegend. Es gibt aber auch unterschiedliche Trainingsmethoden, vor allem in Hinblick auf Technik, Distanz, Höhe und extreme Temperaturen.

Der Körper kann dich nur bis zu einem gewissen Punkt bringen, daher gibt es meiner Meinung nach ein Geheimnis, um erfolgreich ins Ziel zu kommen, und dieses ist nicht in körperlichen Qualitäten zu finden.

Man muss die Geduld, den Respekt und die Dankbarkeit trainieren: ein Ultra-Lauf erfordert Zeit und Hartnäckigkeit. Wir müssen ein Gefühl der Freude entwickeln bei der Vorstellung, einen ganzen Vormittag oder sogar einen ganzen Tag lang in der Natur zu laufen, oft nur in Begleitung von unseren Gedanken, und selbstverständlich mit dreckigen Socken. Wir sollten es nie eilig haben, sondern einfach die Reise genießen. Der Erfolg auf langen Distanzen kommt auch aus dem Respekt für die Natur, eine Art existentielles Bewusstsein gegenüber der Mutter Erde und eine tiefe Verbundenheit, die wir entwickeln, indem wir mit ihrer puren Einfachheit in Kontakt treten. Es ist die Kultur der Bescheidenheit, gemeinsam mit dem Respekt für die großen Bereiche im Freien.

Die Fähigkeit, unangenehme Erfahrungen auszuhalten und während des Laufens zu leiden, hat viel mehr mit dem Kopf als mit dem Körper zu tun. Es ist genauso wie in der Meditation. Nur indem wir unseren Geist erkunden, erkennen wir, dass uns keine Grenzen gesetzt sind und dass die Wahrnehmung des Schmerzes relativ ist. Es gibt einen buddhistischen Spruch, der perfekt dazu passt: Schmerz ist unvermeidlich. Leiden ist optional. Behalten wir uns in Erinnerung, warum wir dieser Anstrengung nachgehen, dann wird uns nichts daran hindern unser Ziel zu erreichen.

Es ist wichtig, einen strategischen Plan zu entwickeln. Hier kommt eine große Zahl an Versuchen und Misserfolgen ins Spiel, aber mit der Zeit wirst du herausfinden, was für dich funktioniert und was nicht. Sobald wir unsere Bedürfnisse erkannt und sie definiert haben, ist alles, was wir wirklich brauchen, das Vorausplanen, das Üben. Es ist wichtig, die logistischen Aspekte dieses Sportes zu verstehen, insbesondere die Versorgung, die Flüssigkeitsversorgung und die Ausrüstung.

Um die Fähigkeit des Planens zu entwickeln, gibt es keine Alternative zur Erfahrung. Die Übung macht den Meister, also muss man es immer wieder neu versuchen.

Finde die besten Anreize: Wir alle haben verschiedene Gründe, um an einem Ultra-Wettbewerb teilzunehmen, aber eines haben alle gemeinsam, die Motivation, vielleicht der wichtigste Aspekt. Man muss das eigene Ich erkunden, auf der Suche nach diesem einen Grund sein für den man bereit ist, jeden Tag vor dem Morgengrauen aufzustehen, um die eigenen Grenzen noch ein bisschen weiter zu verschieben. Wir müssen verstehen, was uns dazu bringt, hundert Kilometer zu laufen, wenn uns alles weh tut und wir scheinbar keine Kraft mehr spüren weiter zu machen; was uns dazu bringt, einen Fuß vor den anderen zu setzen bis wir endlich unser Ziel erreicht haben. Wir müssen den Antrieb finden, der, wenn es hart auf hart kommt, unsere Hand nehmen wird, wenn auch nur für einen Augenblick. Der Antrieb wird es uns ermöglichen, unser unendliches Potential durch eine Verbindung mit unserem tiefsten Inneren zu nutzen und das wahre Glück zu verspüren.

Über den Autor: Michele Graglia ist gebürtiger Italiener und lebt aktuell in Los Angeles. Er war weltberühmt als eines der meist gefragten Models im Modebereich. Er hat 2011 den Catwalk verlassen und sein Leben dem Ultra-Running gewidmet. Er hat 2016 das Yukon Arctic und 2018 das Badwater 135 gewonnen.

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